Von der Flirtplattform zur Plauderecke:
Spocals Evolution anhand von Zahlen

Unser Gastautor gibt einen Einblick in die Kernzahlen des Webstartups Spocal und erklärt, wie die Gründer Designentscheidungen auf Basis von Daten treffen.

von Cristian Grossmann, Mitgründer Spocal

Cristian Grossmann, Spocal

Cristian Grossmann, Spocal

Eric Ries’ Ansatz und Philosophie des Lean Startup ist in letzter Zeit in der Startup Community sehr populär geworden. Bei kaum einem Startup-Pitch fehlt mehr der Satz «…und wir sind wirklich Lean unterwegs». Aber was heisst das genau?

Spocal ist ein ETH-Spin-off mit der Vision, gleichgesinnten Personen, die viel Zeit am selben Ort verbringen, einen einfachen Kommunikationskanal über mobile Apps anzubieten um sie so zusammenzubringen. Daher der Name Spocal: «Speak. Local.» In diesem Diary-Beitrag will ich mit euch teilen, wie wir die Prinzipien der Lean-Startup-Philosophie anwenden und dies mit wirklichkeitsnahen Beispielen aus unserem Alltag schildern.

Im ersten Artikel geht es um die drei Produktiterationen, die wir mit Spocal gefahren sind, wie wir Entscheidungen getroffen haben und was jede Iteration für Resultate hatte.

Blicklick – Anonymes Flirten an der Uni

In Februar 2011 haben wir blicKlick an der ETH und Uni Zürich gelaunched. Die Idee war simpel: eine Online-Flirtplattform für Studenten, auf der man seinem Schwarm eine persönliche Nachricht hinterlassen kann, ohne die eigene Identität preiszugeben. Natürlich mit der Hoffnung, dass diese Person auf die Nachricht reagiert.

Was wir gelernt haben:

  • BlicKlick war ein Kanal, wo Studenten online anbandeln konnten. BlicKlick erlaubte den Studenten, anonyme Flirt-Botschaften auszutauschen und persönliche Nachrichten zu hinterlassen. 95 Prozent der Beiträge waren von diesem Typ.
  • Trotzdem war die Frustrationsrate unter den Benutzern gross: Nur die wenigsten erhielten eine Antwort von ihrer Flamme. Wir haben unseren Nutzern etwas versprochen – «find your flirt» -, das sehr selten eingelöst wurde. Dies führte zu tiefen Retentionsraten.  #failExperience
  • Die Beiträge mit den meisten Kommentaren waren nicht unbedingt an eine einzelne Person gerichtet, sondern allgemeiner gehalten. Es bildeten sich Gespräche um diese Art von Posts.

Spocal – Meet new people nearby

Mit dem Gelernten von Blicklick entschlossen wir uns, die Plattform auf Gespräche und Diskussionen zu fokussieren und diese auszubauen. So ist das Konzept von Spocal – «Speak. Local.» entstanden. Als Tagline haben wir das Versprechen auf neue Kontakte knüpfen noch stark behalten: «Meet new people nearby.»

Was wir gelernt haben:

  • Die Aktivität hat sich durch den Fokus auf Gespräche und Konversationen um den Faktor 30 vergrössert.
  • Unsere Benutzer sind länger auf Spocal geblieben (über 15 Minuten pro Visit) und führten längere Gespräche und Konversationen.
  • Die Sign-up-Rate war trotzdem sehr tief, auch wenn unsere aktiven Benutzer vom Produkt überzeugt waren und sogar erste Suchtssymptome gezeigten.

Die Plauderecke für Studenten

Für die nächste Iteration haben wir uns mit der Frage befasst, warum trotz guter Aktivität die Sign-up-Rate so tief blieb. Aufgrund von Daten, Gesprächen mit Nutzern und Umfragen fanden wir heraus: Das Schild vor der Tür versprach nicht das, was drinnen geboten wurde: Studenten tauschen sich aus, plaudern und treffen sich nach ein paar Gespräche persönlich. «Meet new people nearby» war also nur der letzte Schritt im Funnel; die Hauptaktivität und Nutzen für die User bieten Plaudern und Austausch.

Dann war klar: «Die Plauderecke für Studis» müsste es beim Eingang heissen. Zusammen mit einem Redesign hat sich diese Änderung als sehr positiv erwiesen.

Die Metrics dahinter

Gemäss der Lean-Startup-Methodologie haben wir bei jeder Iteration fünf Key Metrics genau verfolgt, die wir für verschiedene Batches von Nutzern (Cohorts) über die Zeit erfasst haben.

  • Sign-up-Rate: Prozent der Visitors, die zu einem registrierten Benutzer konvertiert haben.
  • Activation: Prozent der registrierten Benutzer, die sich nach 30 Tagen mindestens einmal eingeloggt haben.
  • Retention: Prozent der aktiven Benutzer, innert 30 Tagen auch Inhalte produziert haben.
  • Referral: Prozent der aktiven Benutzer, die einen Freund eingeladen haben.
  • Average time per Visit: Die durchschnittliche Verweilzeit pro Besuch.

Aus der Tabelle ist es ersichtlich, wie sich diese Key Metrics bei jeder Iteration geändert haben:

  • Die erste Iteration hat die drei internen Key Metrics des Produkts (Activation, Retention und Average time per Visit) massiv verbessert. Das Produkt wurde richtiggehend sticky. Dafür halbierte sich aber die Sign-up-Rate.
  • Bei der zweiten Iteration lag der Fokus stärker auf der «First Impression» und der Sign-up-Rate, die wir durch geschicktes Design und Kommunikation verbessern konnten. Dies hat auch dazu geführt, dass Spocal über Facebook Referrals weiterempfohlen wurde.

In der Rubrik Startup-Diary schildern Jungunternehmer regelmässig, mit welchen praktischen Problemen sie in ihrem Gründeralltag konfrontiert sind und welche Lösungsansätze sie gefunden haben.
Der Fokus auf dem Funnel jedes Produkts und das Aufsetzen der richtigen Key Metrics ist fundamental, um effizient und zielgerichtet arbeiten zu können. Das ist aber nicht alles: Intuition und Nutzerfeedback gehören ständig dazu. Anhand der drei Produktiterationen haben wir gesehen, wie der Fokus auf Key Metrics, zusammen mit Feedback und etwas Bauchgefühl, Spocal in die richtige Richtung bewegt hat.

Wenn ihr Fragen oder Kommentare habt, bin ich immer froh von euch zu hören!

Twitter: @crisgrossmann, E-Mail: cris@spocal.net

 

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