Keine Mutmassungen, Verwicklungen vermeiden:
Learnings eines Erstgründers

Rückblickend ist man immer schlauer. Gastautor Manuel Reinhard zeigt auf, welche Erkenntnisse er aus der Startphase als erstmaliger Startup-Gründer gezogen hat und was er beim nächsten Mal gleich machen oder doch anders anpacken würde.

von Manuel Reinhard, Gründer Ticketpark

Manuel Reinhard, Ticketpark

Manuel Reinhard, Ticketpark

Mehr als zwei Jahre sind wir mit unserem Startup bereits auf dem Markt. Eine spannende Startphase, aus welcher wir viele Erfahrungen und Erkenntnisse mitgenommen haben. Einige Dinge würden wir heute anders machen, andere Herangehensweisen haben sich bewährt. Von den letztgenannten erfolgreichen Ansätzen möchte ich folgende besonders hervorheben:

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Keine Mutmassungen bei der Produktentwicklung

Jedes einzelne Feature unseres Produktes entspringt einem Kundenwunsch. Wir haben es zur obersten Priorität gemacht, absolut keine Umsetzung vorzunehmen, ohne dass diese zuerst von einem Kunden gewünscht und dann auch mit ihm besprochen wurde. Diese Herangehensweise haben wir vom ersten Tag an betrieben. Bevor das erste Interface oder die erste Zeile Code geschrieben wurde, hatten wir Kontakt mit potentiellen Kunden und deren Anforderungen und Bedürfnisse detailliert entgegengenommen. Die Vorteile dieser Methode liegen auf der Hand: Wir können die begrenzten Kapazitäten für Entwicklungen einsetzen, die auch wirklich gewünscht und auf die umgesetzte Art gebraucht werden. Dadurch erreichen wir eine sehr hohe Kundenzufriedenheit, was wiederum einen grossartigen Werbeeffekt hat. Nicht zuletzt wussten wir dadurch aber auch bereits vor dem eigentlichen Start, dass der Markt für unser Produkt wirklich existierte.

Zu den eigenen Fehlern stehen

Wo gehobelt wird, fallen Späne und es geschehen Fehler. In einer jungen Firma mit wenig Erfahrung geschieht dies häufiger, als man sich das wünscht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es sich auszahlt, gegenüber unseren Kunden rasch, ehrlich und transparent zu informieren. Wenn unsere Plattform wegen eines Serverausfalls nicht erreichbar ist, schätzen die Kunden klare Aussagen zu den Gründen und dem Stand der Problemlösung. Wann immer möglich arbeiten wir in solchen Momenten sehr aktiv – die wichtigsten Kunden haben stets den telefonisch Draht zu uns und sind innert Minuten auf dem Laufenden. Das Feedback war jeweils sehr positiv, ja wir durften nach Problemen meist mehr Lob für den Umgang damit einheimsen als eigentlich berechtigte Kritik für unsere Unzulänglichkeiten.

Mit den richtigen Menschen zusammenarbeiten

Die richtigen Mitarbeiter und Partner für die eigene Firma zu finden ist ein sehr schwieriger Prozess. In der Anfangsphase sind Qualitäten wie Zuverlässigkeit, die Fähigkeit zum Mitdenken, Lernwille und Flexibilität besonders gefragt. Bei einem kleinen Team stehen für mich als Geschäftsführer jedoch auch die gegenseitige Sympathie und die Begeisterung für die eigentliche Branche ganz weit oben. Lieber passe ich die Prioritäten an, als dass ich mich auf Zusammenarbeiten einlasse, die zu grosse Risiken im zwischenmenschlichen Bereich bergen. Die richtigen Personen zu finden ist ein Trial-and-Error-Spiel: Ein eingelenkter Kontakt erweist sich manchmal als Leerlauf, und Bewerbungsgespräche führen trotz fachlicher Kompetenz oft zu keiner Anstellung. Der Spirit im Team und die gute Zusammenarbeit mit Partnern bringt mich zur Überzeugung, dass dies trotz allem Aufwand der richtige Weg für unsere Firma ist.

Was wir heute anders machen (würden)

Gemäss der Werbung sollte man seine Brille von Beginn weg beim richtigen Anbieter kaufen. Auch wir haben einige Bereiche, die wir bei einem Neuanfang anders anpacken würden.

Den Profi an Bord holen

Ein Startup fokussiert sein Know-How richtigerweise auf das eigene Fachgebiet. Doch gerade in den administrativen und rechtlichen Bereichen fallen in einer Firma viele Aufgaben an, die wir zu Beginn kräftig unterschätzt haben. Zu diesen Bereich gehören insbesondere die Buchhaltung, das Personalwesen, aber auch der Umgang mit Teilhaberschaften und Investitionen. In all diesen Bereichen haben wir mittlerweile den Rat von Spezialisten eingeholt, um aktuelle und zukünftige (von denen wir vielleicht noch gar nichts wissen) Probleme zu umschiffen.

Auf bewährte technische Grundlagen setzen

Aufgrund des Know-Hows im Team war von Beginn weg klar, dass unser Produkt technisch auf PHP und MySQL basieren würde. Bei der Wahl des entsprechenden Frameworks war das Timing leider ziemlich ungünstig: Unsere beiden favorisierten Frameworks (Symfony2 und Flow3) hatten noch einen Entwicklungsstand, der keine produktiven Anwendungen zuliess. Aus diesem Grund basiert unser Produkt heute auf einer Eigenentwicklung. Dies hat verschiedene Vor- und Nachteile. Wir sind zufrieden mit der technischen Basis und arbeiten auch laufend daran, diese zu verbessern – doch wenn immer möglich, würde ich in Zukunft auf ein Produkt setzen, welches von einer Community gestützt und weiterentwickelt wird. Dies ist, wie wenn man eine Unmenge zusätzlicher Mitarbeiter zum Nulltarif im Team hat.

Verwicklungen vermeiden

Da unser Startup aus einer anderen Firma entstanden lassen sich viele Synergien nutzen. Daraus entstand aber auch die Problematik, dass wir gewisse Anliegen zu Beginn zu wenig getrennt hatten. Das führte zu diversen rechtlichen und finanziellen Schwierigkeiten. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass der Lohn für mich als Geschäftsführer des Startups noch von der Mutterfirma bezahlt wurde – und so zur mehrwertsteuerpflichtigen Dienstleistung wurde. Das Aufheben der zu tiefen Verwebung ist ein Prozess, der heute immer noch läuft und bei der Gründung deutlich einfacher zu lösen gewesen wäre. Die Beratung durch Profis zum richtigen Zeitpunkt hätte uns Aufwand erspart.

Fazit

Ich bin in der glücklichen Lage, sagen zu dürfen, dass wir vieles richtig gemacht haben. Die heute ersichtlichen Fehlentscheide betreffen vor allem interne administrative Anliegen, welche auf das Produkt und den Kunden keinen merkbaren Einfluss haben.

Auf jeden Fall kann ich jedem Gründer empfehlen, sich im Vorfeld bewusst zu sein, dass man Fehler machen wird. In den Weiten des Internets findet man viele Erfahrungsberichte von erfolgreichen und gescheiterten Unternehmern. Wenn man sich ein bisschen in diese vertieft, wird man einige Klippen von Beginn weg umschiffen können. Diejenigen, auf welche man dann trotzdem auffährt, vergrössern den eigenen Erfahrungsschatz. Wichtig ist, dass man die richtigen Lektionen daraus lernt, die Situation verbessert und es beim nächsten Mal von Beginn weg richtig macht.

 

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3 Kommentare

  1. Ich kann mich den Erfahrungen nur anschliessen, möchte aber folgendes noch ergänzen:

    Wir haben mit http://www.eqipia.com gerade ein neues Produkt auf den Markt gebracht, bei welchem wir auch zu Beginn weg mit einem Kunden zusammengearbeitet haben. Die Überlegungen dahinter waren die gleichen. Plus dass der Pilotkunde sich schon an den Entwicklungskosten beteiligte und nun als hervorragende Referenz verwendet werden kann. Der Vollständigkeit halber muss ich aber erwähnen, dass dies nicht nur positive Seiten hatte: Der Pilotkunde hatte Ansprüche an das Tool, welche wir eigentlich nicht prioritär umsetzen wollten bzw. welche wir in der normalen Online-Lösung nicht anbieten wollten. Entsprechend wurden Entwicklerressourcen blockiert und fehlten uns für andere Teilprojekte. Ausserdem wollte der Kunde dann zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt online gehen, obwohl wir mit der mandantenfähigen, reinen Online-Lösung noch nicht bereit waren.

    Aber gerade der letzte Punkt ist für mich eigentlich auch wieder der grosse Vorteil: Wer mit einem Pilotkunden zusammen entwickelt, stellt sicher, dass er irgendwann auch online geht damit. Ansonsten verliert man sich vom Hundersten ins Tausendste und geht nie online, weil immer irgendwie noch ein Feature fehlt.

  2. Danke für den aufschlussreichen Beitrag!

    Verschiedene Punkte durfte ich auch bereits durchleben, einige Inputs werde ich mir zu Herzen nehmen.

    Gratulation auf diesem Weg auch zu Deinem Erfolg bis hier – möge es so und noch viel besser weitergehen!

    E liebe Gruess

    Chrigu

  3. Sehr interessante Zusammenfassung! Aber eins will ich dennoch anmerken.
    Schade, denn genau da, wo ich es am Spannensten finde, kommt wenig Genaues, daher meine Nachfrage zu der Zwischenüberschrift “Was wir heute anders machen (würden)”:
    Was würden Sie denn heute anders machen?

    Schönen Gruß aus Berlin

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