Berlin, London, Zürich:
Was macht eine Stadt
zum Startup-Mekka?

Was braucht ein Ort, um Startups ein gutes Umfeld zu bieten? Wir wagen den Vergleich Berlin/Zürich.

Startup City (Bild: istockphoto)Zum ersten Mal überhaupt gibt es Alternativen zu Amerika, was den Standort von Web-Startups angeht. Die deutsche Hauptstadt zum Beispiel. Selbst TechCrunch schreibt, dass Berlin als Startup-Standort derzeit kaum schlagbar sei und den Hotspot London hinter sich gelassen habe.

Kann die Schweiz hier mithalten mit dem Standort Zürich? Wir listen die Vorteile von Berlin auf und fragen uns, wie allgemein sie sind.

Keine Alternative zum Gründen

Gregor: Ein boomender Arbeitsmarkt mit annähernder Vollbeschäftigung ist ein Problem für den Startup-Nachwuchs. Einfach, weil es für die meisten Menschen in solchen Städten einfacher und weniger riskant ist, einen Job anzunehmen als sich auf ein Startup einzulassen.

Dem Selbergründen Konkurrenz machen auch Branchen, in denen sehr viel Geld verdient wird, wie zum Beispiel die Finanzindustrie. Für intelligente, motivierte Leute ist es dort einfacher, sich einen gut bezahlten Job in der dominanten Branche zu besorgen, als das Risiko und die Ungewissheit einer Unternehmensgründung einzugehen. Das gilt aber nicht nur fürs Personal: Städte mit Vollbeschäftigung und finanzstarken, internationalen Industrien bieten auch wenig bezahlbare Immobilien – Innenstadtlagen sind komplett vermietet und selbst in den Außenlagen herrscht viel Wettbewerb.

Ideal für Startups dürften Städte sein, in denen es keine Vollbeschäftigung gibt und die auch kein internationaler Finanzplatz sind. Berlin ist kein Finanzzentrum und von Vollbeschäftigung schlappe 18 Prozent entfernt.

Jan: Dass gut zahlende, etablierte Branchen der Gründerszene die Talente abgraben ist sicher richtig. Aber Prosperität ist meiner Meinung nach kein Argument gegen ein Standort, Startup-Hotspots sind meist Zentren mit traditionell grosser wirtschaftlicher Bedeutung. Die Bay Area, London oder auch Zürich: Solange die Wirtschaft in Bewegung ist, suchen auch Menschen den Weg in die Selbständigkeit – es gibt immer Unternehmer, die ihr eigenes Ding machen wollen.

Umgekehrt würde ich sogar sagen: Leute, die in der Privatwirtschaft schon einen Job hatten und dort Erfahrung gesammelt haben, sich vielleicht ein bisschen finanzielle Ressourcen angespart haben, sind oft die erfolgreichsten Gründer. Neben Branchenwissen, etwas Startkapital und Kontakten liegt das sicher auch daran, dass sie wissen, was sie wollen: Selbständigkeit statt Angestelltendasein. Einfach einen Job bei einem Unternehmen ergattern zu können, ist dann nicht mehr der ausschlaggebende Faktor.

Junge, gut ausgebildete Leute

Gregor: In Europa finden sich die meisten jungen Leute in den Städten mit vielen Universitäten. Gerade deutsche Universitäten haben Entrepreneurship und die Unterstützung beim Ausgründen von Geschäftsideen ihrer Mitarbeiter und Studenten als wichtigen Wettbewerbsvorteil erkannt. In Städten mit vielen Unis gibt es viele Gründungs-Ideen und auch gut ausgebildete, als Absolventen immer noch bezahlbare Mitarbeiter – und die sogar im Überhang.

Jan: Hier kann ich nur zustimmen. Der wohl wichtigste Standort-Faktor sind Leute mit Fachwissen, Ideen und Cleverness.

Zugang zu billigen Programmierern

Gregor: Ein Umstand, der in Amerika stark ins Gewicht fällt, sind die Preise für Programmierer. Zwar kann man seine Web-Applikation auch im Ausland programmieren lassen, z.B. in Indien. Große Firmen mögen das gemanagt kriegen. Von erfolgreichen Offshore-Programmier-Aktionen bei kleinen Firmen und Startups habe ich noch nicht so oft gehört.

Wo gibt’s in Europa vergleichsweise billige Programmierer? In Osteuropa, zum Beispiel. Kommen die Leute aus EU-Beitrittsländern, können sie sich ihren Arbeitsort selbst aussuchen. Berlin ist traditionell ein Tor zum Osten und hat hier entsprechend gute Karten.

Jan: Ein wichtiges Problem. Hierzulande tun sich nicht nur Startups schwer, genügend IT-Spezialisten aufzutreiben, zur Rekrutierung bleibt da oft nur das Ausland. Eine international ausgerichtete Stadt, in der die Hochschulen talentierte Studis aus aller Welt anziehen, kann dem entgegensteuern. Wie liberal da ein Land bei der Regulierung des Arbeitsmarkts ist, ist dann ein zentraler Faktor für Unternehmen.

Die aktuelle Schweizer Regelung mit strikt gehandhabten Länder-Kontingenten und Visa-Bestimmungen macht es für Startups aufwändig und schwierig, Ausländer anzustellen. Aus einzelnen Staaten ist fast ganz unmöglich, talentierte Leute herzuholen. Hier besteht klar Verbesserungsbedarf.

Multi-Kulti schadet nicht

Gregor: In einer amerikanischen Studie hat man untersucht, ob es Kriterien gibt, die im Zusammenhang stehen mit Wertschöpfung in innovativen Branchen und Firmengründungen. Auffallend in dieser Studie war, dass amerikanische Städte, in denen Homosexualität offen toleriert wird, allgemein mehr gründen und die dort gegründeten Firmen allgemein innovativer sind. Erklärt wurde dies damit, dass ein zu enger Zusammenhalt in einer Gemeinde wenig fördert und verlangt, über den Tellerrand zu schauen.

Was die amerikanische Studie generell messen will, ist der tolerante Umgang mit dem Anderssein, glaube ich. Das lässt sich auch ablesen, wie stark die internationalen Einflüsse in einer Stadt sind und wie gut diese Stadt damit umgeht. Darin schneidet zum Beispiel Berlin sehr gut ab.

An Orten wie San Francisco ist das soziale Gefüge nicht so eng gesteckt. Diese Toleranz, Freiheit und Anonymität führt dazu, dass neue Ideen besser entstehen und gedeihen können. Auch stehen die Einwohner dort in zwar nicht so engem Kontakt zueinander, haben dafür aber Kontakt zu mehr Menschen – und somit auch zu mehr Ideen. Solche Gemeinden sind einfach kreativer, kann man sagen.

Jan: Das ist eine interessante These, die intuitiv einleuchtet. Ich kann nicht beurteilen, wie sehr da etwas dran ist, aber Kreativität und Mut zu eigenen Ideen sind sicher bestimmende Merkmale von Startup-freundlichen Orten. Städtische Zentren mit liberalem Umfeld stehen hier sicher besser da als Orte, an denen soziale Kontrolle und ein missgünstiges Klima herrschen.

Ein Ruf als preiswerte Party-Metropole schadet nicht

Gregor: Wenn Du aus weiter Ferne Personal anlocken willst, damit die Leute in Deinem Startup arbeiten, ist ein attraktiver Standort nicht schlecht. Das betrifft Dein Büro ebenso wie die Stadt, in der Du sitzt. Das recht erfolgreiche Berliner Startup für Online-Games, Wooga, wirbt auf seiner Karriere-Seite offen mit den Vorteilen von Berlin als Party-Stadt.

Was braucht es idealerweise noch, damit Leute Deinem Ruf folgen und in Deine Stadt ziehen? Billige Lebenshaltungskosten, würde ich sagen. Städte mit vielen Unis bieten das nicht immer, aber eigentlich doch recht oft. Berlin hat den Vorteil, als billigste Hauptstadt Europas zu gelten. Das gilt für Party, Mieten und Essen.

Jan: Bei den Partys können wir mit Zürich vielleicht ein Stück weit mithalten, bei den günstigen Lebenskosten wird’s schwierig.. Ich würde dagegen halten, dass es hier auch um Lebensqualität im Allgemeinen gehen kann, und da zählt Verschiedenes. Zürich schneidet in weltweiten Rankings zur Lebensqualität regelmässig gut ab. Das ist nicht so griffig wie «Partyhauptstadt», ist aber sicher für viele Menschen ein mindestens so wichtiges Kriterium.

Zugang zu Kapital und zum Startup-Netzwerk

Gregor: Wichtig für Startups wäre dann noch der Zugang zu Kapital. Wenn man Berlin einen Vorwurf machen will, dann an dieser Stelle. Zumindest Venture- und Seed Capital sind doch recht stark an Amerika gebunden, aber mittlerweile operieren diese Firmen quasi global und investieren auch in Europa sehr stark.

Eine andere Form der Unterstützung von Startups sind Inkubatoren. Die gibt’s an Unis oder aus privater Hand, oft gegründet von erfolgreichen Gründern. Was in Berlin an VC fehlt, gibt’s an Startup-Inkubatoren zusätzlich: drei an den Universitäten der Stadt, einige weitere an anderen Hochschulen und darüber hinaus die privaten Inkubatoren von klein bis groß, von dem Samwer-Brüdern über den Spreadshirt-Gründer bis zu kleineren, weniger bekannten, aber nicht weniger erfolgreichen Gründern.

Jan: Hier ist der Nachteil, den Du oben genannt hast, glaube ich ein klarer Vorteil. An einem internationalen Finanzplatz (Schweiz generell, Zürich im Speziellen) steht nicht nur Kapital bereit, es sind auch ständig Investoren auf der Suche nach neuen Möglichkeiten für Anlage und Beteiligung. Das spiegelt sich auch in aktuellen Studien.

Bei der Förderlandschaft kann die Schweiz auch punkten, viele Programme und Wettbewerbe sorgen für ein dichtes Unterstützungsnetz. Und bei den Inkubatoren holen wir auf: Zürich zum Beispiel erhält dieses Jahr einen spezialisierten ICT- und Cleantech-Inkubator.

Fazit

Was bleibt übrig? Welche Faktoren zählen, ist variabel, nicht alle muss jede Stadt haben, um erfolgreich Startups hervor zu bringen. Es geht um die passende Kombination. Eine Stadt, die diese hinkriegt, wird über kurz oder lang mehr und mehr Startups hervorbringen. Einfach, weil das Netzwerk da ist, die Investoren, die Mitarbeiter und die generelle Einstellung. Berlin scheint eine kritische Masse in Deutschland erreicht zu haben. Wie schaut es mit Zürich aus?

 

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