Fehler, Erfolge, Widerstände:
Lessons learned von mySwissChocolate

Unser Gastautor schreibt über seine grössten Fehler, Erfolge und welche Steine die Konkurrenz seinem Startup in den Weg legt.

von Sven Beichler, Gründer mySwissChocolate.ch

Sven BeichlerWir waren ganz schön erleichtert: Beim Thema Tücken des Exportgeschäfts lautet die frohe Botschaft, dass sich die Schweiz mit Deutschland (pardon der EU) auf eine Verlängerung der bestehenden Übergangsregelung bis mindestens 2013 – voraussichtlich 2016 – geeinigt hat.

Dies nicht in allen Fällen, aber es ist trotzdem eine vorläufige Entwarnung für unser eigenes Geschäftsmodell (Details dazu gerne auf Anfrage, was hier den Rahmen sprengen würde.) Das heisst, wir können weiterhin unsere Schoggitafeln in die weite Welt exportieren.

Hier im Rückblick die Fehler, Widerstände und Erfolge der letzten 18 Monate.

Die Fehler

Was nützt es mir, die Fehler von jemand anders zu erfahren? Leider nur wenig. Lessons learned? Klar, aber in jedem spezifischen Geschäftsfeld ist es immer etwas anders und die Situation ist nicht ganz dieselbe.

Das soll nicht heissen, dass man gar nichts lernt aus anderen Fehlern, darum trotzdem unsere Erfahrungen: Der grösste Fehler unserer jungen Firmengeschichte war, zu viel Geld in unspezifische und nicht messbare Werbung zu investieren. Im Glauben, das Richtige zu tun und den Richtigen zu vertrauen haben wir viel Geld verpulvert. Das tut weh – so richtig weh. Wir haben es überstanden und daraus gelernt – so richtig gelernt! Nachdem wir bei nahezu allen Offline- und Online-Marketingmassnahmen  unsere Erfahrungen gesammelt haben, wissen wir nun genau, was funktioniert und was nicht. Hier, was uns nahezu nichts oder zu geringen ROI bringt:

  • Gewinnspiele in Printmedien
  • Inserate in Printmedien
  • Klassische Bannerwerbung
  • Radiowerbung
  • Kooperationsaktionen (wenn, dann nur aus partnerschaftlicher Sicht)
  • Eventspronsoring (wenn, dann nur aus Überzeugung zur Sache)

Wir haben Geld im mittleren, sechsstelligen Bereich in diese Marketingaktionen verpulvert.

Der zweite Fehler im Nachhinein (man kennt am Dienstag natürlich immer das Wetter vom Montag) war, dass mein Geschäftspartner und ich mySwissChocolate die ersten sechs Monate eher nebenberuflich betrieben. Das sind wertvolle Monate, die wir vergeudet haben. Aus rein persönlicher Sicht zumindest.

Der dritte Fehler ist der umstrittenste, denke ich: Wir waren zu wenig aggressiv im Markt. Eine Verdoppelung des Umsatzes zum Vorjahr ist nett, aber nicht nett genug. Es wäre mehr drin gewesen. Das ist heute meine Überzeugung. Wenn ich mir die Praktiken der Samwerbrüder ansehe, dann hat dies meiner Meinung nach so viel mit Nachhaltigkeit zu tun wie Nuklearabfall mit einem Ökosystem.

Aber eines lässt sich nicht abstreiten: Die Samwers sind wirtschaftlich erfolgreich. Unterstützen wir die Geschäftsphilosophie der Zalandos dieser Welt? Nein. Bewundern wir Ihre Fähigkeiten der strategischen, wirtschaftlichen und funktionalen Umsetzungen – insbesondere im Falle Zalando? Eindeutig ja. Gibt es einen Zwischenweg? Vermutlich nicht, oder? Hier haben wir das Problem. Die Diskussion hierzu wäre sicher einen weiteren Beitrag wert.

Die Widerstände

Wir mussten ebenso lernen: Erfolg bringt Widerstände. Je erfolgreicher (sichtbarer) du wirst, desto schwieriger wird es. Zwei Beispiele:

  1. Mit steigendem Marktanteil wurden wir von einem «traditionellen Big Player» im Schokoladenmarkt angegriffen. Juristisch wie auch produkttechnisch. Zweites ist absolut in Ordnung. Es gibt ja auch nicht nur eine Pizza. Obwohl das Know-How zur kostenintensiven Individualisierung und unsere spezielle Kundennähe weiterhin schützt. MySwissChocolate ist bereits eine Marke – wenn auch eine kleine.Hier spielen wir ein wenig David gegen Goliath. Was Teile der Schokoladenindustrie seit Internetbeginn verschlafen haben, wollen sie nun auf juristischem Wege «zurückgewinnen». Bereits seit einem Jahr – bisher erfolglos.
  2. Internationale Mitbewerber fühlen sich bedroht und greifen zu Massnahmen, die mehr im Schwarz- als nur im Graubereich sind und internationales Markenrecht tangieren wie auch unlauteren Wettbewerb. Dabei geht es u.a. wohl darum, als Trittbrettfahrer die erarbeitete Bekanntheit und den daraus resultierenden Traffic umzuleiten auf irreführende Landingpages, welche aber primär interne Links zur eigenen/fremden Konkurrenzseite aufweisen.

Neben den alltäglichen Issues (Export, Material, IT, Investoren), sind dies wirklich mühsame und sehr kapitalintensive Widerstände, die in keinem Business Plan vorkommen (können). Aber keine Sorge – wir sind ein hartnäckiger David.

Die Erfolge

Nun kann ich zum Erfreulichen wechseln. Trotz der Fehler und Widerstände durften wir unseren Umsatz verdoppeln – und dies mit wesentlich weniger Marketingbudget als 2010, und unsere Marketingaktivitäten derart konzentrieren, so dass wir alleine in Google Adwords Schweiz einen ROI von 1009% einbringen konnten – dies mit einer CTR von +26%.

Das zweite Marketing Standbein ist und wird TV Werbung sein. Pro7 in der Schweiz erwirtschaftet uns einen enorm hohen Return auf CLV (Customer-Lifetime Value) Basis. Es hat uns auch hier viel Zeit und Geld gekostet, den Return der TV-Werbung zu evaluieren.  Auch wenn es keine 100-prozentige Wissenschaft sein wird, ist es doch genau genug für uns.

Und: Wir haben in nur 18 Monaten eine höhere Marktdurchdringung als unser grösster Mitbewerber im vergleichbaren Märkten erreicht. Unsere Conversion für selbst kreierte Schokolade konnte nochmals gesamthaft auf über 8% (saisonal sogar über 26%) gesteigert werden.

So geht’s weiter

Wir haben ambitiöse Ziele für das nächste Jahr.

  • Verdreifachung des Umsatzes
  • Erreichung der Profitabilität
  • Nummer 1 im deutschsprachigem Raum für unikate Schokolade
  • Bewahrung der Selbständigkeit trotz potenter und interessierter Investoren (was ev. die grösste Herausforderung sein könnte)

Wenn ich Artikel über andere international tätige Startups lese, dann fällt mir auf, dass es sich nahezu immer um Dienstleistungs-, oder reinen Handelsunternehmen dreht. Und nicht selten um ausländische Startups. Wir sind ein Schweizer Startup und vor allem aber ein produzierender Betrieb, eine Manufaktur. Ein klein wenig Stolz sind wir schon.

 

 

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Ein Kommentar

  1. Herzlichen Dank, lieber Sven Beichler. Dank für die offenen Worte, vor allem bezüglich der Gefahren und den vielen Experten auf diesem Gebiet. Ich verfolge euren Werdegang schon seit geraumer Zeit und freue mich auch immer wieder über die erfrischenden Facebook-Einträge. Macht weiter so.

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