Schweizer Myspace-Konkurrent:
Hausbesuch bei restorm

Wie heute noch Geld verdienen mit Musik im Internet? Restorm versucht es als soziales Netzwerk für Hörer, Bands, Labels, Venues und die Medien.

Das erste, was mir klar wird bei meinem Besuch: restorm hat einen der hübschesten Arbeitsplätze in Zürich. Einquartiert hat sich das zwölfköpfige Team zuoberst in einem Bürogebäude an der Hardturmstrasse, direkt über den Bernoulli-Häusern. Die vermutlich für eine Penthouse-Wohnung gedachten Räume schauen zur Limmat. Auch wenn das Büro eher knapp bemessen scheint für das grosse Team, das hauptsächlich aus Entwicklern besteht – Neid kommt bei mir trotzdem auf.

Anfang August hat das restorm-Team den Look der Musikplattform generalüberholt und neue Funktionen eingeführt. Daneben sind für die nächsten Monate neue Features geplant, ausserdem möchte man ins europäische Ausland expandieren. Eine spannende Zeit für restorm und eine gute Gelegenheit für einen Blick auf das Zürcher Startup.

Nach dem Relaunch

Zur Erinnnerung: restorm.com hatte sich 2007 mit der Idee aufgemacht, ein führendes Musikvideoportal zu werden. Das scheiterte unter anderem am Problem der Lizenzkosten für die Inhalte. Das Team änderte daraufhin die Ausrichtung der Plattform. Ziel ist seither eine Online-Community für Musiker und ihre Fans, die auch für die professionellen Aspekte des Musikbusiness Funktionen bereitstellt. Anders als etwa Myspace, das sich ja vom Facebook-Konkurrenten zunehmend zur Band-Plattform gewandelt hat, will restorm Tools für die Musikindustrie einbauen und die Seite zum Hub aller Onlineaktivitäten der Künstler machen.

Kollege Weigert von unserem Schwesterblog Netzwertig hat sich in einem Beitrag zum Relaunch die Plattform angesehen und gibt einen guten Überblick über die Funktionen.
Als soziales Netzwerk orientiert sich die Plattform an Facebook, was Look & Feel angeht. Ein grundsätzlicher Unterschied: die Verbindungen der Nutzer funktionieren nach dem Followerprinzip – wie bei Twitter folgt man anderen Nutzern und erhält Updates über ihre Aktivitäten. Die Funktionen sind auf die Musikausrichtung zugeschnitten, es gibt Möglichkeiten zur Suche nach Bands entsprechend Geschmack, Location oder aktuellen Gigs. Die Newsfeeds können nach eigenen Vorgaben gefiltert werden. Wie bei Myspace oder anderen Musiknetzwerken können Songs über Streaming gehört oder bei entsprechender Freigabe auch heruntergeladen werden.

“Das Leben von Bands im Internet erleichtern”, lautete die Zielvorgabe für die Entwicklung. Die kostenlosen Bandprofile bieten demnach alle Gestaltungsmöglichkeiten eines sozialen Netzwerks, legen aber Wert darauf, für das Tagesgeschäft im Musikbusiness zu taugen. Daher sollen die Twitter- und Facebook-Aktivitäten von Bands von der Seite aus managebar werden. Vor allem will restorm seine Plattform für Musiker interessant machen, indem diese auch Veranstalter und Labels anzieht. Diese können etwa Anlässe ausschreiben oder über die Bandprofile zu Bookinginfos und Hörproben kommen. Die Profile bieten die Möglichkeit, in entsprechenden Feldern Booking-Konditionen, Pressemappen, Tour-Histories und oder die gerade für Veranstalter wichtigen Livebilder und -videos zu hinterlegen. Michael führt mir als Beispiel die Bedienung der Bandseite vor, Usecase: Suche nach einer Supportband für ein Konzert. In wenigen Arbeitsschritten lassen sich die Ausschreibung dafür aufsetzen und die Bewerber sichten.

Im Musikgeschäft heute noch Geld verdienen

Auch wenn die Plattform durchdacht wirkt – wie lässt sich mit einem solchen Modell Geld verdienen? Schliesslich hat sich restorm ausgerechnet das kriselnde Musikbusiness ausgesucht, das seit Jahren im Verteilkampf um rückläufige Einnahmen steht.
Wenn Michael das Geschäftsmodell erklärt, klingt es wie eine Übersicht für Webstartup-Geschäftsmodelle heutzutage – alle online denkbaren Einnahmequellen scheinen vertreten:

  • Speziell geschaltete Werbung
  • Affiliate-Deals
  • Freemium: Premium-Accounts für einzelne Nutzergruppen
  • Ein eigener Musik-Store und ein Clearingsystem für Verwertungsrechte
  • Ein Franchising-System

“Von allem etwas” könnte auch hier die Zusammenfassung sein. Was später einmal das wichtigste Standbein von restorm im Geschäftsmodell sein wird, kann CFO Michael Schmid nicht sagen. Auch darum ist die Monetarisierung so breit abgestützt und macht das vor, was sich zurzeit zum Muss des Musikerdaseins entwickelt: Die Diversifizierung der eigenen Einnahmenseite. So will restorm mit einer Reihe kleinerer Revenue-Quellen wie Provision bei Ticket- oder T-Shirt-Verkäufen ebenso Geld verdienen wie mit einem innovativen Clearingsystem für die Musiklizensierung. Bei Letzterem können beispielsweise Filmproduzenten wie in einem Onlinestore die Rechte für die Verwendung eines Songs kaufen – in einem automatisierten Prozess anstatt über ein aufwändiges Prozedere. Worauf die Gründer besonders stolz sind: Damit können Musiker erstmals mit creative-commons-lizensierter Musik etwas verdienen.

Wie wichtig der geplante Online-Musikstore werden wird, wird sich zeigen. Er besteht aus einem herkömmlichen Downloadstore, der vor allem für das Clearing relevant wird und einem Streamingangebot, das Musikern die Gelegenheit geben wird, Streaming-Inhalte für Benutzer freizuschalten, die für die Musik bezahlen.

Das Franchising-System ist gleichzeitig weiteres Standbein und Kern des Konzepts zur Expansion. Für den Aufbau von restorm in zusätzlichen Ländern sind Kontakte und eine gute Vernetzung im Musikbusiness nötig. Darum planen die Gründer ein Modell, mit dem Teams im Ausland die Plattform lizensieren und aufbauen können, ohne dass das Schweizer Team der Skalierung im Weg steht.

Clevere Kooperationen

Um die Plattform bekannter zu machen und den professionellen Nutzern die Funktionen der Seite vorzuführen setzt man zurzeit auf Verlosungen und andere Promoaktionen. Auch zur Bekanntheit beitragen sollen Medienpartnerschaften, Tamedia – 20 Minuten sowie die Berner Zeitung – und das Musikmagazin 7Sky aus der Romandie verwenden die Widgets von restorm auf ihren Webautritten (Beispiel). Sie zeigen, sozusagen als Vignette, Bandinformationen an und lassen Songs und Videos streamen. Damit sind sie praktisch für die Musiker und funktionieren gleichzeitig als Promotool für restorm.

Venture-Kapital hat das Startup von Redalpine und privaten Investoren erhalten. Bei der Frage, wann restorm voraussichtlich profitabel sein wird behalten sich die Gründer eine Antwort vor. Restorm hat inzwischen rund 16’000 registrierte Nutzer, 5’500 Bands und knapp 700 Labels, vorwiegend aus der Schweiz.

Klick für Legende und Vollansicht. (Bilder )

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  1. [...] obwohl bereits seit 2007 am Markt, und mindestens seit der Kehrtwende der Ausrichtung des Schweizer Start-Ups vom Musikvideoportal [...]

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