Startup-Diary:
“Jungs, ich glaube, wir müssen unser Business-Modell ändern.”

Was tun, wenn man merkt, dass man sein Produkt am Markt vorbeikonzipiert hat? Getyourguide-Mitgründer Tao Tao schreibt über eine schwierige Frage der Selbsterkenntnis und einen Neustart in seinem Unternehmen.

Von Tao Tao, Mitgründer Getyourguide

Jungs, ich glaube wir müssen unser Business-Modell ändern.

“Als wir unsere Webseite im Juni 2008 gelaunched haben, war noch jeder vom Konzept der Webseite überzeugt und bereits drei Monate später habe ich erste Diskussionen mit Johannes, unserem jetzigen CEO, über einen Richtungswechsel geführt. Unsere ursprüngliche Idee war simpel: jeder kann ein Reiseführer (“Guide”) sein und jeder kann einen solchen Reiseführer für eine Tour buchen. Also so etwas wie Couchsurfing für Touren und Aktivitäten, und bei jeder gebuchten Tour würden wir eine kleine Kommission für uns beanspruchen. Das Problem war: Hobby-Reiseführern war es zu umständlich Touren anzubieten und professionelle Anbieter scheuten vor einer Plattform zurück, auf der auch Amateure ihre Dienstleistungen anbieten konnten. Diese Erkenntnis habe ich damals in Peking gewonnen, als wir mit einigen Praktikanten versuchten, Studenten und professionelle Tour-Anbieter für die Plattform zur Zeit der Olympiade zu gewinnen. Unsere Diskussionen gingen soweit, dass wir letztendlich komplett davon überzeugt waren, unseren Business Plan zu ändern. Nun ging es “nur” noch darum, unser Team davon zu überzeugen.

Kurswechsel

“Jungs, ich glaub wir müssen unser Business-Modell ändern”, so begann unsere schwerste Telefonkonferenz. Man muss dazu erwähnen, dass unser Team aus sechs gleichberechtigten Mitgründern besteht, und unser IT-Team gerade durch die Hölle ging, um die Webseite rechtzeitig vor der Olympiade zu launchen. Entsprechend war auch die Reaktion vom Rest des Teams, als wir diesen Vorschlag auf den Tisch legten. “Wie können wir jetzt bereits unsere gesamte Webseite ändern, wenn wir es gerade vor ein paar Wochen online gestellt haben? Welches Start-up macht denn so etwas?”, lautete das durchaus berechtigte Gegenargument. Zudem hatten wir geraden einen chweizweiten Wettbewerb, die “Tour de Suisse”, mit unseren alten Plattform mit durchaus einigem Erfolg durchgeführt. Wozu also ein Richtungswechsel?

Wenn unser Startup an dieser ersten Krise zerbrochen wäre (und das wäre es fast), würde es genügend Gründe dafür geben: Ein viel zu grosses Gründerteam mit gleichen Anteilen, ein Produkt, das völlig am Markt vorbei konzipiert wurde, ein klassischer Konflikt zwischen dem IT und dem Business Team, mangelnde Kommunikation durch Teilzeitarbeiten am Startup (ich war sogar auf einem anderen Kontinent) und womöglich übereilte Entscheidungen.

Zurück zum Start

Zum Glück haben wir es aber geschafft mit der Zeit wieder alle an Bord zu holen. Unser grosser Vorteil war, dass wir alle irgendwie schon vorher miteinander befreundet waren und daher einerseits die gleichen Werte teilten und andererseits davon überzeugt waren, dass jeder von uns wirklich gut ist. Das Business-Team würde also nicht ohne tiefste Überzeugung einen derart gravierenden Richtungswechsel vorschlagen. Zudem war uns allen bewusst, dass wir den Markt nicht wirklich kannten und einfach mal auf gut Glück losgelegt hatten. In der Produktentwicklung wird oft von ‘desirability’ (Produkt Attraktivität), ‘feasibility’ (Machbarkeit) und ‘viability’ (Markttauglichkeit) gesprochen. Als begeisterte Touristen und Programmierer konnten wir nur die ersten zwei Komponenten gut abschätzen; letzteres kam erst mit der Zeit.

Planung in der Berghütte

Eine neue Plattform zu programmieren dauert Monate, also haben wir uns erstmal für ein paar Tage auf eine Berghütte zurückgezogen, um die neue Plattform dieses Mal von vorne bis hinten durchzusprechen und Prioritäten zu setzen. Das IT-Team wird ausserdem seit jeher für wichtige Business Entscheidungen konsultiert und unsere interne Kommunikation wurde durch festgelegte Meetings stärker institutionalisiert. Mir wurde klar, wie wichtig es ist, gute Leute im Team zu haben. Es zeugt manchmal von mehr Grösse, sich überzeugen zu lassen als zu überzeugen. Wie schon der legendäre Investor Arthur Rock schrieb: “Ich investiere in Menschen und nicht in Ideen. Wenn Du gute Leute finden kannst, und sie mit Ihrem Produkt falsch liegen, können sie einen Richtungswechsel vornehmen. Wozu soll ich also ihr Produkt überhaupt erst verstehen?”

Im Nachhinein war unsere Entscheidung (wahrscheinlich) die Richtige, aber die jetzige Plattform läuft auch erst seit 2 Monaten. Wer weiss welche neue Marktkenntnisse uns wieder zu grossen Änderungen zwingen wird.

In der Rubrik Startup-Diary schildern Jungunternehmer wöchentlich, mit welchen praktischen Problemen sie in ihrem Gründeralltag konfrontiert werden und welche Lösungsansätze sie gefunden haben.
Hierin liegt natürlich auch ein entscheidender Vorteil von Start-Ups: Sie sind schnell und können sich den Bedürfnissen der Kunden und des Marktes schneller anpassen. Für uns bedeutet das also, dass es trotz neuem Glauben an unserem Business Modell, weiterhin eine Gratwanderung zwischen Anpassung und dem Glauben an unserem Produkt bleiben wird.”

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