Interview:
Sebastien Flury von Creapole
zur Standortförderung im Jura

Am 24. September 2009 wurde in Le Noirmont der Technopole, der erste von vier Technologieparks im Jura eröffnet. Am Rande der Feierlichkeiten hatte ich Gelegenheit mit Sébastien Flury, Projektleiter bei Creapole, über den Standort Jura zu sprechen.

Sebastien FluryStartwerk.ch: Die Creapole SA hat heute in Le Noirmont ihren ersten Technologiepark eröffnet. Um mit dem Zug von Zürich nach Le Noirmont zu gelangen, benötigte ich 2 Stunden und 21 Minuten. Käme ich von Basel hierher, dauerte die Reise rund 2 Stunden, von Bern brauchte ich mindestens eineinhalb Stunden und von Lausanne eindreiviertel. Für Schweizer Verhältnisse sind das lange Reisezeiten.

Sébastien Flury: Ja, das stimmt, mit dem Zug ist der Technopole Le Noirmont nicht so leicht zu erreichen. Mit dem Auto aber schon. Wir können unseren Startups aber Räumlichkeiten in Delémont anbieten, damit sie sich mit Kunden treffen können, ohne dass diese so weit reisen müssen.

Reisefreudige Jurassier

Der informelle Austausch zwischen Jungunternehmern wird als wichtiger Innovationstreiber verstanden. Wo findet dieser Austausch in den Freibergen statt?

Die Jurassier sind es sich gewohnt, zu Anlässen wie dem Webmonday zu reisen.
Aber wir organisieren auch viermal jährlich ein “petit déjeuner de l’innovation
“, das sich allerdings mehr an etablierte Industrielle richtet. Etwas wie Webmonday können wir noch nicht aufziehen, weil uns die kritische Masse fehlt. Wir planen aber einige grosse Events: Ich habe beispielsweise Kontakte zum Organisator der nationalen Vorselektionen des Webdesign International Festival. Der Organisator überlegt sich, den Anlass im Jura durchzuführen – er hat seine Wurzeln hier. Der Event soll Anfang 2010 stattfinden.

Mir ist aufgefallen, dass in dieser Industriezone viele Fahrzeuge mit französischen Kennzeichen parkieren. Die Technopole liegt nur 10 km von der Grenze zu Frankreich entfernt. Ist die Technopole auch ein Ort für französische Startups?

Der Technopole ist offen für alle, die ihr Startup hier ansiedeln möchten. Seien sie aus Zürich, aus Graubünden, aus New York oder San Francisco. Auch Franzosen sind willkommen. Wichtig ist für uns, dass die Startups qualitativ hochstehende Arbeit leisten.

Wie sieht der Deal für die Startups aus? Müssen sie für eine bestimmte Zeit hier bleiben?

Wir sind nicht ganz so flexibel wie der Technopark (in Zürich) oder der Parc Scientifique (in Lausanne). Die Technopole ist kein gewöhnlicher Technologiepark. Unser Ziel ist, hier Startups anzusiedeln. Wir möchten nicht, dass sie von einem auf den anderen Tag wieder weggehen. Das ist nicht möglich, da wir normale kommerzielle Mietverträge mit den Startups abschliessen. Diese dauern fünf Jahre; wobei wir natürlich bereit sind zu verhandeln, wenn ein Startup neue Räumlichkeiten benötigt, weil es stark wächst. Die Startups dürfen aber auf jeden Fall so lange bleiben, wie sie wollen.

Wie teuer ist die Miete hier im Technopole?

Das sind 190 Franken pro Quadratmeter pro Jahr. Darin inbegriffen ist eine Standard-Internetverbindung, die Benutzung der Parkplätze, der Konferenzzimmer und der Cafeteria. Die Heizkosten werden sehr tief sein, weil der Technopole ein “green building” ist. Wir heizen mit der Abwärme des Datacenters im Untergeschoss und haben auch eine Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach.

Nähe zu den Hochschulen

Die Credit Suisse-Studie zur Standortattraktivität bewertet die Steuerlast, die verkehrstechnische Erschliessung, die Nähe zu den Hochschulen und den urbanen Zentren als wichtige Faktoren. Man mag argumentieren, für ein IT-Startup seien Steuerfragen von geringer Bedeutung. Wie sieht es aber mit der Nähe zu den Hochschulen aus?

Die HE-ARC, das ist die Fachhochschule der Kantone Jura, Bern und Neuchâtel, ist nur fünfzehn Minuten von Le Noirmont entfernt. Dort werden sehr gute Ingenieure und Programmierer ausgebildet. Dann gibt es auch noch die Bieler Fachhochschule, die von Le Noirmont aus in 35 Minuten erreichbar ist. Es gibt eigentlich kaum Probleme, gute Arbeitskräfte zu finden. Es gibt aber auch viele Jurassier, die in die urbanen Zentren gezogen sind, um Arbeit zu finden. Viele möchten wieder zurück in den Jura kommen, um zu arbeiten – wenn es Stellen gibt.
Die geographische Nähe zum Beispiel zur EPFL
ist meines Erachtens nicht immer so wichtig. Nehmen Sie beispielsweise Sobees, ein echtes High-Tech-Startup. Diese sind im Parc Scientifique in Lausanne ansässig. Aber der Austausch mit der EPFL findet kaum statt. Für Sobees ist es also kein Problem, einen Teil ihrer Aktivitäten – die Gründer sind noch immer in Lausanne – hier in Le Noirmont zu domizilieren. Dieses Modell mit mehreren Standorten haben wir entwickelt, damit die Firmen sich eine gewisse Flexibilität bewahren können.

Welche Unternehmen sollen nach Le Noirmont in die Technopole kommen? Solche mit lokaler Verankerung, wie Cdrom?

Wir möchten Startups nach Le Noirmont holen, die weltweit tätig sind. Ein Web-Startup müsste wohl auch im Silicon Valley präsent sein. Wir wollen attraktive Firmen herholen, die nicht nur regional tätig sind. Das würde wenig Sinn machen.

Wer steht hinter der Creapole SA und welche Rolle spielt diese in der Standortförderung? Wie wollen Sie den Jura strategisch positionieren? Auf welche Branche wollen Sie setzen? Arbeiten Sie auch mit dem CTI zusammen?

Creapole ist eine öffentlich-private Kooperation. Ursprünglich steht der Kanton Jura dahinter. Es gibt aber auch private Investoren, zum Beispiel hat eine Stiftung investiert, aber auch die BKW.
Zudem pflegen wir Kontakte zum Beispiel zum CTI und dem Venturelab
. Über diese Verbindungen fliesst zwar kein Geld, aber wir denken daran, bei Anlässen als Sponsoren aufzutreten. Wir sind im Innovationsnetzwerk der Schweiz eingebunden und versuchen so viele relevante Kontakte wie möglich zu knüpfen. Zum Beispiel sind wir der welsche Partner von I-net Basel.

Weitere Technologieparks für den Jura

Im Wallis hat The Ark mehrere Technologieparks gebaut. Sind im Jura ebenfalls weitere Technologieparks geplant?

Ja, Creapole wird drei Technologieparks bauen. Einer ist ja hier schon bereit, wobei wir diesen Standort vielleicht noch ausbauen werden. Ein zweiter, auf Life Sciences spezialisierter Technologiepark wird in Delémont gebaut. Dieser Standort ist wegen seiner Nähe zu Basel hervorragend geeignet für Startups der Medizinaltechnologie. In Basel gibt es 8’000 Forscher, es macht Sinn, in der Nähe zu sein.
Wir sind auch gut in den Pharmanetzwerken in Basel verankert und haben gute Beziehungen zu Novartis und Roche. Wir können so Türöffner sein für Biotech-Startups.
Der dritte Technologiepark wird in Porrentruy gebaut und soll den Bereich Mikrotechnologie abdecken – quasi als Ergänzung zum Centre d’Enseignement Jurassien
, einer Ausbildungsstätte unter anderem für Uhrenmacher.

Was ist Ihre Funktion bei Creapole?

Ich bin verantwortlich für das Coaching und die Akquisition der Startups. Zudem unterstütze ich die Jungunternehmer bei der Finanzierung.

Welche Ausbildung haben Sie?

Ich habe an der HEC Lausanne studiert. Diese Ausbildung habe ich vor fünf Jahren abgeschlossen und dann während zweieinhalb Jahren bei der Berner Kantonalbank gearbeitet; zuerst als Berater für kommerzielle Kunden – da konnte ich viele Businesspläne analysieren –, dann wurde ich mit der Organisation von IT-Projekten betraut, bevor ich zu Creapole wechselte.

Wie sind Sie zu Creapole gekommen?

Ich würde mich selbst auch als Unternehmer bezeichnen, ich verfolge auch eigene Projekte. Also hat mich diese Materie seit jeher interessiert. Als ich dann zufälligerweise auf das Stelleninserat der Creapole gestossen bin, wusste ich: Genau das habe ich gesucht. So würde ich Tritt fassen können in der Startup-Welt.

Was für ein Startup möchten Sie gründen?

Es soll ein IT-Startup werden. Ich möchte Web-Projekte realisieren. Da ich selbst viel mit IT arbeite, sehe ich, welche Bedürfnisse es gibt, und weiss, was ich selbst an Applikationen vermisse. Daraus haben sich schon ein paar Geschäftsideen ergeben.

 

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