Bauanleitung für Startups:
Projektmanager-Inflation

Wenn das Verhältnis zwischen technischem und planerischem Personal nicht mehr stimmt, fangen die Grabenkämpfe um die Ressourcen in einer Unternehmung an. Deswegen sollte die Zahl der Projektmanager tiefer sein als die der Ingenieure.

Von Dorian Selz, Nektoon

Die meisten kleinen und mittleren Unternehmungen sind voll von Leuten mit dem Titel “Project Manager”. Gleich vorweg: Dabei handelt es sich wahrscheinlich um den grundlegendsten Job in jeder Unternehmung. Wenn Ihre Techies nichts drauf haben, haben Sie jedenfalls fehlerhaften Code, aber Beharrlichkeit wird eine Lösung bringen. Wenn Ihre Marketingleute nichts können, haben Sie sicherlich Schwierigkeiten, Ihre Botschaft an die Menschheit zu bringen, aber mit etwas externer Hilfe wird’s schliesslich klappen. Wenn das Management nichts taugt, wird der Verwaltungsrat das Problem hoffentlich schnell lösen.

Aber wenn eine Projekt-Managerin versagt, hast Du ein echtes Problem. Warum? Sie ist diejenige, welche die Fäden eines Projekts in den Händen hält. Wenn sie gut ist, “passieren” die Dinge – oder eben Projekte – einfach so. Wenn sie die Fäden nicht zusammenhält, wird das Projekt scheitern.

Dennoch haben zu viele Firmen zu viele Projektmanager, die zu viele unnütze Dinge managen. Diesen Report, jenen Chart, viele Meetings, noch mehr E-Mail. Ihr Beitrag zum ganzen? Nichts, oder schlimmer: Negativ.

Das liegt daran, dass die meisten Unternehmen von Geschäftsleuten geführt werden und nicht von Ingenieuren. Beide Gruppen tendieren dazu, sich mit ihresgleichen abzugeben. Es ist ganz einfach leichter, eine gemeinsame Sprache zu finden. Also stellen Geschäftsleute weitere Geschäftsleute an, zum Beispiel Projekt-Manager. Und weil die meisten Organisationen immer einen Haufen zu erledigen haben, nicht zuletzt, um die Egos einiger Leute an der Spitze zu befriedigen, werden haufenweise Projektmanager angeheuert.

Das Resultat ist ein Überfluss an Projektmanagern. Gleichzeitig bleibt die Zahl der Ingenieure meistens die gleiche (Sie wissen schon: Fokus auf Kosten und Headcount und all sowas…)

In einer Marktwirtschaft gibt es zwei Lösungen für dieses Problem: Entweder der Preis oder die Nachfrage wird sich anpassen, bis der Markt sich bereinigt.

Unglücklicherweise reden wir nicht vom freien Markt, sondern von einer geschlossenen Firma. Was also wird passieren?

Jeder Projektmanager hat eine bestimmte Anzahl Zielvorgaben. Aber die Ingenieur-Ressourcen sind zu deren Erreichung zu gering. In der Folge setzt eine heftiger politischer Wettbewerb im Kampf um die knappen Ressourcen ein. Die Mitarbeiter fangen an, sich auf den internen Wettstreit zu konzentrieren, statt sich um die Kunden zu kümmern.

Diese Situation wollten wir bei local.ch vermeiden. Wir haben grundsätzlich keine Projektmanager angeheuert. Wie also kamen wir über die Runden?

  • In einem 32köpfigen Team mit 22 Ingenieuren hatten wir zwei technische Direktoren. Ihre Aufgabe war es, reibungslose technische Abläufe zu garantieren. Auf der einen Seite waren sie die primären Ansprechpartner für die Businessleute mit deren Anliegen. Zweitens haben sie sich um die technische Ausrichtung insgesamt gekümmert.
  • Wie im letzten Beitrag beschrieben, haben wir local.ch in mehrere Bausteine aufgeteilt und jedem ein Team und eine Teamführung zugeordnet (wir hatten ein Frontend-, ein Backend- , ein Inserate-, ein Guide-, ein Karten- und ein Mobile-Team, wobei einige Mitarbeiter in mehreren Teams waren.)
  • Jedes Team war selber zuständig für seine Vorgaben, Ziele und die passende und zeitgerechte Umsetzung. Jedes Team würde so ausgerichtet, dass es nicht zu Überschneidungen und Wettbewerb mit einem andren Team kam.
  • Wir haben uns jeden Donnerstag getroffen um die übergeordneten strategischen Ziele zu definieren und die unmittelbaren Verbesserungen des nächsten Release abzustimmen. Wir haben mit einem generellen Überblick angefangen und mit einem Abstimmungstreffen aller Teamleader weiter gemacht, an welchem teilnehmen konnte, wer immer ein Problem in die Runde werfen wollte. Wenn der Grundsatzplan festgelegt war, delegierten wir die Teilaufgaben an die Teams. Wir haben uns sehr bemüht, diese Sitzungen auf die prioritären Fragen zu beschränken, indem alle Folgeaufgaben und – Probleme an die zuständigen Gruppen weitergereicht wurden. “Sehr bemüht” heisst: Manchmal ist es uns nicht gelungen. Aber wo ist das schon nicht so?
  • Wir haben auf flexible Entwicklungsmethoden gesetzt. Mehr dazu in einem nächsten Artikel.

Das Resultat – mit allen Nachteilen – waren sehr konzentrierte Teams. Sie haben Verantwortung übernommen und eigene Themen angepackt. Sie waren stolz darauf, alles schnell und effizient und ohne Aufsicht zu erledigen. Dinge wurden einfach erledigt. Und das geschah sehr bald: Am Frontend hatten wir fast tägliche neue Releases, im Backend waren sie dicht dran.

Wahre Verantwortung ist ein hervorragender Motivator.

Das Grundrezept besteht aus einer transparenten Aufteilung in Bausteine und klar zugeordnete Verantwortung. Plus ein Maximum an Delegation von Entscheidungsgewalt aufgrund einiger einfacher und allgemeingültiger Regeln.

Und dann heisst es: Einen Schritt zurück treten und exzellente Leute ihre Arbeit erledigen lassen.

Das englischsprachige Original dieses Artikels steht im Blog von Nektoon.

Mehr lesen

Bauanleitung für Startups: Eine Nation von Netzwerken

15.10.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Eine Nation von Netzwerken

Dorian Selz fasst die Erkenntnisse seiner Serie über den Bau des skalierbaren Startups zusammen.

Bauanleitung für ein Startup: Share Nothing Architecture

11.8.2009, 0 KommentareBauanleitung für ein Startup:
Share Nothing Architecture

Saubere Trennung aller Service-Bestandteile, Standards und Standardhardware sind die Erfolgsgeheimnisse moderner Web-Startups.

Bauanleitung für Startups: Wiki statt Office

10.7.2009, 2 KommentareBauanleitung für Startups:
Wiki statt Office

Ein Wiki ist für die Teamarbeit eines Startups besser geeignet als (Einzelkämpfer-) Office-Software.

Startup-Wochenüberblick: Mehr Crowdfunding, Stipendien für Techgründer, Startups spielerisch

3.2.2012, 0 KommentareStartup-Wochenüberblick:
Mehr Crowdfunding, Stipendien für Techgründer, Startups spielerisch

Unser Wochenüberblick für News aus der Startups-Szene: Diesmal mit Themen wie Geld für grünes Essen, dem ausgetrockneten VC-Markt und Startups als Mobile Game.

Kopf oder Zahl: Unternehmerisch mit Risiko umgehen

16.11.2011, 0 KommentareKopf oder Zahl:
Unternehmerisch mit Risiko umgehen

Ohne Risiko kein Gewinn. Hier ein einfaches Gedankenexperiment, das zeigt, wie ein mit Risiko behaftetes Geschäft funktionieren kann.

Unternehmenskultur: Vorleben statt aufschreiben!

8.3.2011, 0 KommentareUnternehmenskultur:
Vorleben statt aufschreiben!

Richtige gehandhabte Unternehmenskultur ist ein Führungsinstrument, gerade auch für Startups.

Squirro: Memonic-Gründer sammeln 1,5 Millionen für neuen Service ein

16.2.2012, 1 KommentareSquirro:
Memonic-Gründer sammeln 1,5 Millionen für neuen Service ein

Squirro heisst der neue Webservice, mit dem die Nektoon AG einen Reboot anstrebt. Prominente Investoren sind bereits an Bord.

Bauanleitung für Startups: Eine Nation von Netzwerken

15.10.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Eine Nation von Netzwerken

Dorian Selz fasst die Erkenntnisse seiner Serie über den Bau des skalierbaren Startups zusammen.

Bauanleitung für Startups: Irren ist menschlich, Testing nötig

7.10.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Irren ist menschlich, Testing nötig

Testing ist nötig, wenn eine Applikation Kunden begeistern und nicht ärgern soll. Dorian schreibt über die Anstrengungen bei Nektoon, möglichst viele Fehler zu eliminieren.

Kollaborationssoftware Podio: Must-have-Tool für CRM und mehr

7.5.2012, 3 KommentareKollaborationssoftware Podio:
Must-have-Tool für CRM und mehr

Zeiterfassung, CRM, Ticketing, Aufgabenplanung: Alles Aufgaben, die mit der passenden Software leichter von der Hand gehen. Unser Gastautor erklärt, für welche Lösung sich sein Startup entschieden hat.

Recht für Startups: Verein als Rechtsform für  Startup-Projekte?

17.4.2012, 0 KommentareRecht für Startups:
Verein als Rechtsform für Startup-Projekte?

Unter welchen Bedingungen eignet sich die Rechtsform Verein für (gemeinnützige) Startups? Unser Gastautor klärt auf über mögliche juristische Stolpersteine.

Recht für Startups: Effizientes Inkasso

5.1.2012, 0 KommentareRecht für Startups:
Effizientes Inkasso

Kunden, die nicht zahlen, sind der Albtraum jedes Unternehmens. Unser Gastautor verrät, wie Startups sich schützen können.

Bauanleitung für Startups: Eine Nation von Netzwerken

15.10.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Eine Nation von Netzwerken

Dorian Selz fasst die Erkenntnisse seiner Serie über den Bau des skalierbaren Startups zusammen.

Bauanleitung für Startups: Irren ist menschlich, Testing nötig

7.10.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Irren ist menschlich, Testing nötig

Testing ist nötig, wenn eine Applikation Kunden begeistern und nicht ärgern soll. Dorian schreibt über die Anstrengungen bei Nektoon, möglichst viele Fehler zu eliminieren.

Bauanleitung für Startups: Virtualisierung – wirklich keiner da...

8.9.2009, 0 KommentareBauanleitung für Startups:
Virtualisierung – wirklich keiner da...

Ganz im Stillen, ohne das der durchschnittliche User etwas davon gemerkt hätte, hat im Internet, genauer in den Server-Zentren rund um den Globus eine Revolution stattgefunden: Virtualisierung.

Das Solo-Startup: Wieviel Team braucht man?

16.5.2011, 1 KommentareDas Solo-Startup:
Wieviel Team braucht man?

Ganz "solo" natürlich nicht, aber warum ein Gründer die Verantwortung tragen und das letzte Wort haben sollte: Ein Plädoyer gegen 50/50-Gründungen.

Unternehmenskultur: Vorleben statt aufschreiben!

8.3.2011, 0 KommentareUnternehmenskultur:
Vorleben statt aufschreiben!

Richtige gehandhabte Unternehmenskultur ist ein Führungsinstrument, gerade auch für Startups.

Make or Buy, Offshoring II: Reporting, Spezifikation und Planung

1.10.2010, 0 KommentareMake or Buy, Offshoring II:
Reporting, Spezifikation und Planung

Nach dem gestrigen Beitrag von Phil Reichen erzählt auch Marcus Kuhn von seinen Outsourcing-Erfahrungen - Schwerpunkt: Projektmanagement.

IT-Sicherheit: 12 Tipps für Startups

5.10.2011, 3 KommentareIT-Sicherheit:
12 Tipps für Startups

Die Meldungen über gehackte Firmenserver überschlagen sich zurzeit. Was können IT- und Webstartups tun, um ruhiger zu schlafen?

Wo die „hard factors“ aufhören: Über den Wert von Werten

11.7.2011, 4 KommentareWo die „hard factors“ aufhören:
Über den Wert von Werten

Vertrauen und Ehrlichkeit sind auch für Startups wichtige Werte, gerade bei der Wahl geeigneter Geschäftspartner. Wenn sie fehlen, führt das unweigerlich zu Problemen.

Das Solo-Startup: Wieviel Team braucht man?

16.5.2011, 1 KommentareDas Solo-Startup:
Wieviel Team braucht man?

Ganz "solo" natürlich nicht, aber warum ein Gründer die Verantwortung tragen und das letzte Wort haben sollte: Ein Plädoyer gegen 50/50-Gründungen.

5 Kommentare

  1. eine Frau
    schrieb am 3. Juni 2009 um 22:20 Uhr (#)

    inhaltlich stimme ich dir zu. schade nur, dass du die weibliche berufsbezeichnung nur ein einziges mal ausgerechnet im folgenden satz verwendet hast: “Aber wenn eine Project-Managerin vesagt, hast Du ein echtes Problem.”

  2. Schtonk!
    schrieb am 4. Juni 2009 um 08:19 Uhr (#)

    Wenn es zuviele Projektmanagerinnen und Softwareentwicklerinnen gibt, sind die dauernden Grabenkämpfinnen und die vielen Buginnen in den Codinnen unerträglich!

    Gute Nacht meine Damen und Herren da draußen an den Computern und Computerinnen!

  3. erwin
    schrieb am 4. Juni 2009 um 10:22 Uhr (#)

    wohl so langsam durchgeblickt das das amerikanische firmenmodell doch nicht so toll ist
    wie habe die leute eigentlich vor 10 jahren ihren job gemacht ???

  4. Dorian
    schrieb am 4. Juni 2009 um 15:33 Uhr (#)

    @Frau: Mir gehts immer darum wer welchen Beitrag leistet. So auch hier: “Wenn sie gut ist, “passieren” die Dinge – oder eben Projekte – einfach so.” Das englischsprachige Original ist übrigens hier.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 8. Juni 2009 um 01:03 Uhr (#)

    Ich freue mich, dass ich nicht der einzige bin, der dazu übergegangen ist, weibliche und männliche Form absolut zufällig einzusetzen – ich bin der Ansicht, dass das der bessere Weg zur Gleichstellung ist als Ungetüme wie “LeserInnenBriefschreiberInnen” – mit oder ohne Schrägstrich.

    Dorian: Ich hab den Link zum Original noch eingefügt, sorry.

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.