Wer macht was:
Von Praktikanten
und virtuellen Geschäftsmodellen

Gastautor, 27. Mai 2010 07:11 Uhr, 1 Kommentar Kommentare

Als kostenbewusstes Startup-Unternehmen kommt man schnell in ein Dilemma: was soll man auslagern, was soll man selber machen?

Von Marc Goertz, Gründer Allerlei Medien

Sich auf das konzentrieren, was man am besten kann, den Rest von den Experten erledigen lassen; das wäre sicher der professionellste und effizienteste Ansatz. Aber leider, so ist man geneigt zu glauben, auch der teuerste und wohl für viele Startups nicht zu finanzierende Weg. Also ist man versucht, so viel wie möglich selbst zu machen, womit so mancher Jungunternehmer zwangsweise zum Alleskönner mutiert und damit schnell in eine Falle tappt, die das folgende Bonmot treffend beschreibt:

«Selbständig sein heisst, alles ständig selbst zu machen». Die Gefahr hier liegt auf der Hand: man verliert den Wettlauf gegen die Zeit. Zeit ist Geld und mindestens so wichtig wie der Kostenaspekt. Alleskönner sparen zwar unmittelbar Geld, sie werden sich früher oder später aber verzetteln, dadurch wertvolle Zeit vergeuden und durch den verspäteten Markteintritt mehr Geld verlieren, als sie durchs Selbermachen eingespart haben.

Gibt es einen Weg zwischen effizientem aber manchmal teurem Outsourcing und günstigem aber zeitaufwändigem DIY? Natürlich gibt es hier keine Pauschalantwort. Wir haben bei unseren Projekten verschiedene Ansätze ausprobiert: das Praktikannten-Modell und das Komponentenprinzip.

Die Kraft der Praktikanten

Vor knapp einem Monat lancierten wir die Erlebnisgutschein-Plattform www.geschenkparadies.ch. Damit ein breitaufgestellter eShop Relevanz erhält, braucht er eine ansprechende Angebotsbreite und -tiefe. Das bedeutet im konkreten Fall von geschenkparadies.ch: so viele Anbieter und verschiedene Angebote wie möglich akquirieren und zwar schnell. Wer noch keine Umsätze erzielt und ohne grosszügige Fremdfinanzierung unterwegs ist, scheut sich reflexartig davor, Mitarbeiter anzustellen, weil er sich diese eigentlich gar nicht leisten kann.

Wir haben aber rasch feststellen müssen: ohne wird es schwierig. Also haben wir zwei motivierte Praktikanten angeheuert, die uns bei der Akquisition unterstützen. Wir haben dadurch enorm viel Zeit gewinnen und den ohnehin schon verspäteten Lancierungszeitpunkt einhalten können. Fazit: mit (guten) Praktikannten gewinnt man enorm Zeit und spart am Ende viel Geld, weil man schneller ans Ziel bzw. an den Markt kommt. Eine Investition, die jeder Startupper, der aus Kostengründen möglichst alles selber machen möchte, ernsthaft prüfen sollte.

Arbeiten mit Spezialisten: Komponentenmodell

Bei unseren Sites www.meinnotizbuch.ch und www.meindaumenkino.ch sind wir etwas anders vorgegangen. Hier folgten wir im Ansatz dem Konzept von Günter Faltins Entrepreneurial Design-Modell: die unternehmerische Realisierung einer Idee mithilfe von am Markt erhältlichen Modulen. Konkret: wir hatten zwei Ideen (Veredelung von Moleskine-Notizbüchern sowie Druck von Daumenkinos aus kurzen Videoclips), die mit Komponenten (Einkauf, Designvorlagen, Veredelung bzw. Druck, Vertrieb) unternehmerisch umgesetzt werden können. Wir suchten uns dazu die passenden Partner (Moleskine, Designer, Lasergraveur, Digitaldrucker, Versand) und beschränkten uns selbst auf die Koordination dieser Komponentenpartner sowie das Marketing. Wir wollten uns kein eigenes Lasersystem kaufen, weshalb wir nach einem Partner Ausschau hielten, der über Kapazitäten und Knowhow verfügte. Dieser Partner übernimmt gleichzeitig auch das komplette Fulfillment, vom Bestellungseingang bis zu Verpackung und Versand.

Bei beiden Sites arbeiten wir mit Designern zusammen, die uns Gravur- sowie Daumenkino-Vorlagen liefern. Sämtliche Kreative konnten wir auf Basis eines reinen Revenueshare-Modells verpflichten, was uns geholfen hat, die Kosten tief zu halten.

Natürlich verstanden wir von Digitaldruck relativ wenig und konnten uns anfänglich auch nicht vorstellen, ob es überhaupt möglich ist, in der Schweiz kleinformatige Daumenkinos in Kleinstauflagen zu kleinen Preisen mit relativ kurzen Lieferfristen zu produzieren. Mit unserem Daumenkino-Druckpartner konnten wir so das gleiche Prinzip des Komplett-Fulfillments vereinbaren, wie wir es mit unserem Veredelungspartner von meinnotizbuch.ch praktizieren. Unser Hauptjob beschränkt sich auch hier auf das Managen der Komponentenlieferanten und das Marketing. Dadurch gewinnen wir Zeit und können die Geschäftsideen fokussiert weiterentwickeln.

Outsourcing als Erfolgsfaktor

Unsere Erfahrung: das Komponentenmodell hat den Charakter eines virtuellen Unternehmens, eignet sich für weniger komplexe Geschäftsmodelle und hat ein paar schlagende Vorteile:

  • relativ geringer Investitionsbedarf sowie sehr tiefe Fixkosten (kein Overhead)
  • variable Kosten fallen nur dann an, wenn auch Bestellungen und damit Umsätze generiert werden
  • hohe Fulfillment-Qualität durch profesionelle Partner

Auch wenn sich rein betriebswirtschaftlich ein Inscourcing lohnt, möchten wir vorläufig am Komponenten-Modell festhalten, weil wir uns so auf die Weiterentwicklung und neue Ideen konzentrieren können. Ob sich das Modell am Ende aber auf einer grösseren Skala bewährt, wissen wir nicht. Den Vergleich dazu werden wir bald erhalten: In den nächsten Wochen launchen wir mit einem Münchner Lizenzpartner unseren deutschen Spinoff www.meinnotizbuch.de. Anders als in der Schweiz, gehen wir hier v.a. auf Wunsch unseres Partners den klassischeren Weg, haben die Lasersysteme geleast und machen das Fulfillment selbst. Auf den Direktvergleich dürfen wir gespannt sein.

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1 Kommentar

  1. Daniel Niklaus
    schrieb am 29. Mai 2010 um 10:45 Uhr (#)

    Interessant, wie ihr euer Geschäftsmodell anpasst. Bis jetzt sah ich euch als Ideenproduzent (Verlag) der nicht selbst produziert (Druckerei). Jetzt fängt ihr in Deutschland an das Druckgeschäft selbst zu übernehmen.

    Finde es aber gut, wie ihr experementiert und bin gespannt, welche Konsequenzen ihr davon ableitet.

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