Gründer-Fragerunde:
Tipps für die Produktentwicklung

Jan Rothenberger, 15. März 2010 08:58 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Kundenorientiertes Design, Outsourcing, Feature-Overkill: Erfahrungen zu Strategien und Schwierigkeiten mit denen Startups konfrontiert sind.

Probleme lösen auf täglicher Basis gehört zum Gründer-Alltag, ganz besonders bei der Erfindung eines innovativen Produkts. Entsprechend verschieden sind auch die Erfahrungen: Von der Normalität ständiger Planänderungen, über geheime Kundenwünsche bis zum Unterschied zwischen Ferraris und Fiats. Das ist das Thema dieser Gründerumfrage – was waren Eure grösste Schwierigkeit in der Produktentwicklung und wie habt ihr es gelöst?

Dominik Grolimund, Gründer Wuala

“Wir haben aus einer komplexen Technologie ein Produkt gemacht. Unsere Innovation war nicht im Produkt, sondern in der Technologie: Bottom-up Approach. Grösste Schwierigkeit war daher wohl die lange Entwicklungszeit, bevor man Feedback vom Kunden einholen konnte (lange gabs kein UI). Darum wäre mein Tipp: Die Entwicklung wenn möglichst top-down machen, rasch Feedback einholen, Vision verfolgen, aber in der Ausführung flexibel sein. Und dann: Rinse and repeat.

Carlos Bravo, Gründer Coguan

“Die Produktentwicklung ist eine kontinuierliche Arbeit, weil man merkt, dass man immer etwas verbessern kann. Die Schwierigkeit liegt insbesondere darin die Prioritäten richtig festzulegen. Wir haben folgende Reihenfolge etabliert:

  1. Bugfixing
  2. Usability
  3. Neue Features

Wichtig dabei ist ebenfalls: Zeitpläne festlegen und alles daran setzen sich daran zu halten. Ansonsten läuft man Gefahr, dass die Projekte nicht nur die üblichen 100% länger dauern als geplant, sondern dreimal so lange.”

Remo Uherek, Gründer Trigami

“Eine grosse Schwierigkeit war sicherlich, dass wir als Pionier in einem völlig neuen Gebiet tätig waren. Blog-Marketing bzw. Social Media Marketing war 2006/2007 noch stark in den Kinderschuhen. Das heisst, viele Dinge mussten wir durch Trial and Error mühsam ausprobieren weil es in vielen Bereichen noch keine herauskristallisierten Standards gab. In unserem ersten Geschäftsjahr haben wir sehr viel Markterfahrung gesammelt und konnten dann aufgrund dieses Feedbacks unsere Produkte nach und nach verbessern und auch neue Produkte entwerfen.”

Patrizia Fischer, Gründerin Pearltec

“Wir haben gelernt wie schwierig es, ist den Zeitaufwand im Voraus abzuschätzen. Unsere Lösung: eine provisorische Planung machen im Bewusstsein, dass sie sich sowieso noch ändert. Dazu proaktive Kommunikation um alle über die neusten Planänderungen auf dem Laufenden zu halten. Planänderungen sind nicht einfach ‘schlecht’ sondern alltäglich.”

Dorian Selz, Gründer Memonic

“Die grösste Schwierigkeit bestand und besteht darin, aus unserer ursprünglichen Idee eine Webapplikation zu bauen, die für unsere Nutzer nützlich und brauchbar ist. Der Erfinder findet seine Ideen meist toll, doch sind sie das auch für die Nutzer? Wir haben deswegen von Beginn weg, konsequent Nutzerinnen und Nutzer in den Entwicklungsprozess miteinbezogen. Das Stichwort lautet User Centered Design.“

Myke Naef, Gründer Doodle

“Am schwierigsten ist vermutlich, Doodles Einfachheit bestmöglich zu bewahren und trotzdem laufend Erweiterungen zu veröffentlichen wie Zeitzonenunterstützung, Kalenderanbindungen, Premium Features usw. Dazu gehört auch, zu vielen möglichen Erweiterungen “nein” zu sagen, weil sie nur für eine zu kleine Benutzergruppe relevant wären. Ein wichtiger Tipp für andere Startups lässt sich daraus ableiten: Unbedingt den Fokus kennen und nicht verlieren.”

Gilles Florey, Gründer Keylemon

“Am Anfang versuchte ich, die Produktentwicklung outzusourcen. Sehr schnell stellte ich aber fest dass das nicht klappen würde und es billiger und weniger riskant sein würde, hier zu entwickeln. Bei neuen Technlogien weiss man oft nicht von Anfang an, wie das fertige Produkt aussehen, wie genau es aufgebaut sein soll, wie das Geschäftsmodell sich verändern wird und was der Kunde sucht. Anstatt einen Ferrari zu entwickeln mag es besser sein, sich zuerst einmal auf einen Fiat zu konzentrieren. Später lassen sich dann immer noch Verbesserungen und Änderungen einbauen, wenn erstes Kundenfeedback da ist.”

Florian Kowalke, Gründer Aiducation International

“Wichtig war für uns die Perspektive unserer Kunden einzunehmen. Als wir dies taten, merkten wir, dass sich viele unserer Spender Transparenz wünschen. Daraufhin gaben wir ihnen die Möglichkeit, selbst am Auswahlprozess für die Schulstipendien teilzunehmen. Ausserdem merkten wir wie wichtig für Spender ist, dass ihre Spende möglichst viel bewirkt. Aus diesem Grund haben wir verschiedene Eigenschaften entwickelt, die unser Produkt „Stipendium“ haben soll: so fliessen heute 100% der Spenden direkt in Schulgebühren und werden so in direkte Wirkung umgewandelt. ”

Jan Lichtenberg, Gründer Insphero

“Bei der Entwicklung eines komplexen Produkts gibt es immer wieder Rückschläge, getreu dem Leitsatz: „Wenn es so einfach wäre, hätte es schon jemand anderes gemacht!“ Aufgrund der Ausgewogenheit in unserem Team haben uns Rückschläge in der Vergangenheit nie lange aufgehalten. Egal, wer von uns mit Schwierigkeiten konfrontiert ist, er kann sich der Unterstützung und der aufbauenden Kraft der Anderen sicher sein. Schwierigkeiten und Probleme in letzter Minute haben auch manchmal etwas Gutes, den sie helfen, auf das Wesentliche zu fokussieren und schweissen das Team immens zusammen. Unter Druck entstehen eben Diamanten.”

In der Rubrik Gründer-Fragerunde lässt Startwerk die Leute zu Wort kommen, die am besten wissen, was Startups bewegt: die Jungunternehmer selbst. Hier geht es regelmässig um Themen und Fragen, mit denen alle Startups früher oder später konfrontiert sind.
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